Silverrudder 2022Von Ballerstart, Gegenstrom, Flauten-Finish, und warum es dennoch magisch war

Ursula Meer

, Jochen Rieker

 · 19.09.2022

Silverrudder 2022: Von Ballerstart, Gegenstrom, Flauten-Finish, und warum es dennoch magisch warFoto: YACHT/U. Meer

Der letzte Finisher brauchte fast zwei volle Tage. Die Ersten dagegen rissen die 134 Seemeilen rund Fünen in nicht mal 20 Stunden ab. Wie die Teilnehmer ihre ganz individuellen Abenteuer erlebten >> Aktualisierte und ergänzte Fassung

Das Silverrudder 2022 galt in den Anfangsjahren mal als “Ironman of the Sea”. Das war vielleicht ein bisschen hoch gegriffen. Heute heißt der Slogan nur noch “Challenge of the Sea”. Für Niels Ove Henriksen aber muss sich das Solo rund Fünen wie eine nicht enden wollende Prüfung angefühlt haben. Der Skipper von “Chantal”, einer gemütlich-stäbigen Elvstrøm Coronet 38, ging als Letzter über die Linie. Da dämmerte schon der Sonntagmorgen.

Seine Zeit: 45 Stunden, 9 Minuten, 18 Sekunden. Das entspricht einem Schnitt von um und bei drei Knoten. Aber das ist bei dieser Wettfahrt, die Amateure wie Profis gleichermaßen in ihren Bann zieht, letztlich irrelevant. Beim Silverrudder geht es ums Ankommen, ums Erleben – darum, noch ein paar unvergessliche Meilen in den langen Herbst und Winter mitzunehmen. Und davon bot die größte Einhandregatta der Welt reichlich.

“Es ist einfach ein magisches Rennen”, befand Silverrudder-Routinier und Langstrecken-Liebhaber Mathias Müller von Blumencron, als er nach dem Zieldurchgang ein paar Stunden Ruhe gefunden hatte und seine Wettfahrt Revue passieren ließ. Dabei hatte es für den sieggewohnten Hamburger diesmal “nur” zu Platz drei in der stark besetzten Klasse der Kielboote bis 40 Fuß gereicht, nachdem er auf dem ersten Viertel des Kurses mit seiner Class 40 “Red” noch klar in Führung gelegen hatte. Seine Begeisterung für die auch in diesem Jahr wieder sehr anspruchsvolle Regatta schmälerte das freilich nicht im Geringsten.

Den Reiz beschreibt er so: “Es ist ein Hindernis-Sprint um Fünen, wie es ihn sonst im Norden nicht gibt. Du bist allein, es ist Wind, auch mal mehr, du musst dich freihalten von deinen Konkurrentinnen und Konkurrenten, und das Ufer droht immer. Du hast für Manöver sehr wenig Zeit, und wenn was schiefgeht, kann es sehr schnell passieren, dass du auf den Steinen oder am Strand liegst. Du musst die Mitte finden zwischen Risiko, also Speed, und Vorsicht, um anzukommen.”

In diesem Jahr, dem elften der längst kultigen Veranstaltung, die Fahrtensegler ebenso begeistert wie Regattacracks, Werftchefs und Konstrukteure, Jung und Alt, lag die Herausforderung in den mehrfach wechselnden Wetterfenstern. Noch glühend von den jüngsten Eindrücken, schilderte Mathias Müller von Blumencron, wie er die Wettfahrt erlebte:

“Das Rennen war wunderbar. Es startete mit viel Wind; da ist schon das Setzen des Groß eine Challenge, denn da brauchst du ein paar Minuten ungestört, gegen den Wind, und das ist in diesem engen Fahrwasser vor Svendborg nicht so einfach. Wir sind dann rausgeschossen aus dem Sund, und dann ging’s nach Norden, mit abnehmendem Wind und aufklarendem Wetter. An der Nordspitze Fünens hatten wir eine wunderschöne Abendstimmung. Und hinter Middelfart folgte ein Spi-Ritt in mehreren Etappen bis Lyø. Es war alles dabei, viele Manöver, viele knifflige Situationen. Man kam kaum zum Essen, hatte kaum je einen Moment zum Relaxen. Entsprechend fertig ist man im Ziel, aber eben auch voller Glücksmomente.”

Drei Dehler 30 auf den Plätzen eins bis drei in der Klasse bis 30 Fuß wow!

Andreas Deubel, Ex-Mini-Transat-Teilnehmer und auf seiner Dehler 30 od “Crazyboats.de” am Start, fand auf die Frage, ob das Silverrudder 2022 eher schön oder hart gewesen sei, folgende Antwort: “Es war beides – schön tough!” Er segelte die gesamte Renndistanz in Schlagdistanz zu zwei Schwesterschiffen und war permanent gefordert. Nur in der Ansteuerung von Fredericia ließ er mal “François” ans Ruder, seinen Autopiloten – um wenige Minuten später schon wieder zur Pinne zu greifen. Da lag er noch auf Rang drei in seiner Gruppe.

Nach der wegen Schiebestrom vergleichsweise einfachen Passage von Middelfart ging es in der Dehler-30-Formation dann voll zur Sache: “Mit dem A2 (dem größten Gennaker, die Red.) und 27 Knoten Wind durch die Nacht und die Inselwelt der Dänischen Südsee”. Kein Wunder, distanzierten Deubel, Max Gurgel, der die Klasse gewann, und Martin Kringel die gesamte Konkurrenz, darunter auch die Aeolos P30 “Beast” von Jan Hansen, den Elektronikprobleme über weite Strecken um den Autopiloten brachten.

 Auf Sieg gesegelt, wegen Elektrikproblemen aber nur auf Platz fünf gelandet: Aeolos-Skipper Jan Hansen aus DänemarkFoto: Hans Genthe
Auf Sieg gesegelt, wegen Elektrikproblemen aber nur auf Platz fünf gelandet: Aeolos-Skipper Jan Hansen aus Dänemark

Drei Dehler 30 od auf den Rängen eins, zwei und drei – das war schon eine Demonstration der Macht in der Klasse der Kielboote bis 30 Fuß. Nicht minder bemerkenswert aber war der vierte Platz des Tschechen Milan Kolacek auf einer Seascape 27, der damit die beim Silverrudder ausgetragene Europameisterschaft in der One-Design-Klasse gewann. Ihn trennten nicht einmal vier Minuten von Martin Kringel auf Platz drei. Auch Uros Krasevac, der diese Saison einen veritablen Einstand in der Mini-6.50-Klasse der Protos gab, überzeugte mit Platz sechs und dem Vize-EM-Titel der Seascape/First 27 SE.

Marlene Brudek: Die erste Finisherin segelt First 27 SE

Geschafft und glücklich. Marlene Brudek wurde auf Ihrer “Heartbeat” erste Frau im Ziel und belegte in der First-27-EM Platz elfFoto: YACHT/U. Meer
Geschafft und glücklich. Marlene Brudek wurde auf Ihrer “Heartbeat” erste Frau im Ziel und belegte in der First-27-EM Platz elf

Unter den Frauen kam als erste Marlene Brudek nach 24:52:48 Stunden ins Ziel, an Platz 27 in derselben Gruppe. Beim zermürbenden Stehsegeln vor der Brücke in Svendborg, kurz vorm Ziel, erzählte sie: “Ich habe nicht geschlafen, aber ich bin fit und mir geht es gut.” Nur mit dem kleinen Gennaker ausgestattet, lieferte sie sich bis zuletzt ein Zeitlupenrennen mit anderen Booten ihrer Klasse. Die Dänin Cirkeline Catrine Skovgaard Andersen kam als zweite Frau mit ihrer X-79 “Spiff” nach 25:50:06 Stunden an Platz 34 ins Ziel.

In der Gruppe der großen Mehrrumpfboote lieferten sich der Vorjahressieger Jan Andersen auf der Marlin 33 “Black Marlin” und Jens Quorning mit seinem Dragonfly One-Off 28 “Dragonfire” das erwartete Duell, aus dem Quorning mit einer gesegelten Zeit von 15:25:40 ziemlich genau eine Stunde vor Andersen eintraf. Er war damit First Ship Home, und nicht zum ersten Mal.

An Wetter und Herausforderungen war beim diesjährigen Silverrudder alles dabei: Starkwind und Flaute wechselten sich ab und forderten die Segler heraus. Am Start kachelte es in den engen Feldern derart, dass manch einer wegen Bruchs abbrechen musste (zu unserem Bericht von gestern bitte hier klicken!)

Selbstbau “Remy”: schon vorm Start die ersten Kratzer im Holzrumpf

Auch Jan von der Bank und sein Selbstbau “Rémy” haben das Rennen bei aller Vorsicht nicht unbeschadet überstanden, sondern schon mit einem Kratzer angetreten. Im engen Teilnehmerfeld vor dem Start wurde von der Bank von Wind und Strom gegen die Werftmauer gedrückt. Der Holzrumpf bekam “ein paar Kratzer, die ich heute schon überlackiert habe, die aber wieder viel Arbeit bedeuten”, berichtete er.

Später war der ehemalige Contender-Meister ebenfalls gefordert: “Das Rennen war wirklich anspruchsvoll. Viel Wind und Strom am Start, dann lange Flaute und in der Nacht mit zirka 25 Knoten mehr Wind als vorhergesagt.” Und damit auch mehr Wind, als er mit seinem Boot in den wenigen Monaten seit Fertigstellung bisher erlebt hatte. “Aber ‘Rémy’ hat das alles gut gemeistert”, stellt er fest. Flaute und Gegenstrom machten auch ihm, der ohne Spinnaker unterwegs war, schwer zu schaffen. Nach gut 22 Stunden kam er als 16. seiner Gruppe ins Ziel seines ersten, aber – wie er sagt - nicht letzten Silverrudder mit “Rémy”.

Von einer eher wilden Nacht mit viel Wind und Welle von Fredericia bis Lyø berichtet auch Jan Reimer, der mit seiner X332 “Just” zum wiederholten Male Fünen umrundet hat. “Und dann kam dieses Rumgeeiere mit Schlickrutschen im Gegenstrom. Das ist echt herausfordernd. Leute, die nicht so oft dabei waren, denken auf Höhe Lyø schon, sie sind fast am Ziel.”

Aber wie so oft gab sich der Svenborgsund am Samstagmorgen, als die Boote in wachsender Zahl reinkamen, wieder gnadenlos: Zirka drei Knoten Gegenstrom und kaum Wind ließen so ziemlich jeden Segler wenige Hundert Meter vor dem Ziel an der Stromkante einparken und rückwärts segeln. Am Nachmittag kam noch ein Gewitter hinzu, Wind hatte es nicht im Gepäck.

Hinter den meisten Solisten lag da schon eine arge Geduldsprobe am Vortag. Die Große-Belt-Brücke sahen die meisten quälend lange vor sich. “Ich habe mit meiner Hiddensee fünf Stunden lang versucht, durch die Brücke zu kommen, und dann aufgegeben”, erzählt eine der Teilnehmerinnen.

”Es gibt Leute, die sich übernehmen, weil sie meinen, sie müssten das durchziehen. Das ist eine schwere Entscheidung. Ich hatte heute einfach Pech, dass ich da im Weg war”, erzählt Thomas Hunfeld, der mit seiner SunFast 3200 “Moneypenny” das Rennen knapp vor dem Ziel aufgeben musste. Er war der Fähre im Weg und musste den Motor starten – Safety first. Die vielen Boote, die vor der Svendborgbrücke und im Sund in ähnliche Bedrängnis kamen, werfen für ihn die Frage auf, „ob man das nicht ändern kann: Wenn die Bedingungen für die meisten so schwierig werden, dass die Gefahr besteht, dass etwas passiert?“

Vermutlich wird die Magie des Rennens, von der Mathias Müller von Blumencron schwärmte, alle Härten, allen Schweiß, alle Nerven, die das Silverrudder 2022 gekostet hat, blitzschnell im Kielwasser lassen. Mitorganisator und Sprecher Philip Cossen sagte in einem Video vor Fynshoved, dass er garantiert nicht schlafen werde – so fantastisch sei es, in die Nacht zu segeln. Auf seiner Dehler 36 belegte er Platz 16 in der Klasse der Kielboote bis 40 Fuß.

Ergebnisse des Silverrudder 2022Foto: YACHT
Ergebnisse des Silverrudder 2022

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