Ebbe am BodenseeSo ist die Lage in den Häfen

Nils Theurer

 · 08.08.2022

Ebbe am Bodensee: So ist die Lage in den HäfenFoto: Segelschule Iznang
Im Yachthafen Iznang liegen die Bojen auf dem Trockenen, viele Boote haben bereits Grundkontakt.

Für viele Segler am Bodensee ist die Saison wegen des niedrigen Wasserstandes gelaufen. Stellenweise wird es auch fürs Auskranen bereits knapp.

"An meinem Liegeplatz gibt es aktuell knapp zehn Zentimeter Wasser“ sagt Heinz Stärk. Gewöhnlich vertäut er seine Dehlya 25 mit aufgeholtem Kiel am Steg vor Iznang. Doch selbst die dann nur 35 Zentimeter Tiefgang sind bereits seit vergangener Woche zuviel. Stärk nahm sein Boot vor kurzem aus dem Wasser.

Und so geht es immer mehr Seglern am Bodensee. „Wir haben eigens für niedrige Wasserstände an unserem Bojenplatz am Untersee eine Jeanneau 2000“, erzählt Annette Bernauer. Zusammen mit ihrem Mann Klaus Dietzel hatte sie schon Angst, dass ihr Kleinkreuzer am Bojenstein hängen bleiben könnte. Jetzt haben auch die beiden ihr Boot an Land gestellt. Rechtzeitig. Denn selbst unterm Kran ist das Wasser hier und da schon zu flach.

Verlagssonderveröffentlichung

Der Pegel Konstanz am Obersee des Bodensees trocknet einem Sommer-Tiefpunkt entgegen (YACHT berichtete >>). Mehr als 150 Jahre reichen die Aufzeichnungen zurück. Am kleineren Untersee war die bisherige Mindestmarke bereits im Juli unterschritten. Auch am Ammersee und dem Starnbergersee gibt es trotz Regulierung derzeit deutlich tiefere Wasserstände als sonst. Häfen, Bojenplätze und Slipanlagen sind aber oftmals auf die höheren Wasserstände angewiesen.

Michael Hermann, Hafenmeister im Bodensee-Yachtclub Überlingen, hat bisher erst auf Gastplätzen Tiefgangprobleme. Aber auch bei ihm ist der Sportbootbetrieb eingeschränkt. „Das Seegras wächst dieses Jahr so stark; nach drei Wochen kamen Boote nicht mehr aus eigener Kraft aus der Box“. Folglich fährt „Erna“, ein Spezialschiff, welches die Pflanzen bis zwei Meter Tiefe mäht, am Obersee Dauereinsätze.

Auch viel Seegras macht Probleme

„Das starke Seegras-Wachstum ist eigentlich ein Anzeichen für gute Wasserqualität“, erläutert Dr. Harald Hetzenauer, Leiter des Instituts für Seenforschung in Langenargen, der "Yacht" den Befund. „Aus biologischer Sicht sollte es so wenig wie möglich entfernt werden, da Fische darin gerne brüten. Selbst, wenn die Boote ein- und ausfahren." Deswegen empfiehlt er höchstens punktuelles Mähen. „Wir haben auch im Konstanzer Trichter wieder mehr Seegras, das vermindert der Abfluss“, so der Wissenschaftler. „Ansonsten wäre der Pegelstand im Obersee nochmals niedriger“.

Auch in Radolfzell können immer weniger Boote am Steg liegen bleibenFoto: Marlene Gomolla
Auch in Radolfzell können immer weniger Boote am Steg liegen bleiben

Vor der Mündung der Schussen bei Eriskirch entwickeln sich mehrere hundert Meter breite Algenteppiche. „Das liegt an den Phosphaten im Wasser“, erläutert Harald Hetzenauer. „In den 70er-Jahren wurde stark und mit strengen Vorgaben in die Abwasserreinigung um den Bodensee investiert, mit Erfolg. Diese Algen brauchen CO2, Licht und Nährstoffe. Beim augenblicklichen Niedrigwasser lief ein Drittel der Schussen bereits durch Kläranlagen und das Klärwasser besitzt immer noch etwas Phosphat“. So komme es zum derzeitigen starken Wachstum. „Das Problem sind dabei nicht die Grünalgen im Wasser, aber bei weiter sinkendem Wasserstand trocknen sie und entwickeln dabei übel riechendes Faulgas, also Schwefelwasserstoff oder stickstoffhaltige Gase“. Bisherige Versuche, die stark riechenden Algen zu beseitigen, schlugen fehl. „Auch das Einfangen mit Ölsperren funktioniert nicht, die Algen tauchen darunter ab“.

Bodensee leuchtet wie die Karibik

Im Kontrast zum leuchtenden Grün erscheint das Bodenseewasser derzeit in karibischem Türkis, denn die Kieselalgen wachsen besonders stark. „Bei derem Wachstum wird dem Wasser CO2 entzogen, dadurch fällt Calcit aus, darin spiegelt sich das Licht“, erklärt Harald Hetzenauer das Phänomen. „Im Prinzip wie in einem Bergsee, dort sorgen aber mineralische Partikel der Gletschertrübe für die Brechung“.

 Wenn das Wasser wie hier in Iznang kaum noch bis zur Hüfte geht, müssen viele Boote aus dem Wasser geholt werdenFoto: Segelschule Iznang
Wenn das Wasser wie hier in Iznang kaum noch bis zur Hüfte geht, müssen viele Boote aus dem Wasser geholt werden

In den vergangenen Sommern mussten Eigner immer mal wieder bei wechselnden Wasserständen für Wochen auskranen. „Wir sind uns sicher, dass wir das Boot dieses Jahr nicht mehr ins Wasser bekommen“, ist sich Annette Bernauer aber sicher. „Bei uns gibt noch keine Anfragen nach Hubkielen, wir liefern zwar die spezielle Technik aber wir haben keine Werft, die das bootsseitig umsetzt“, gibt Michael Finckh beim Hydraulik-Spezialisten GKS Kressbronn Einblick. Er ist Eigner eines 30er-Schärenkreuzers, einem Langkieler, der ohnehin nicht umgebaut werden könnte. „Wir hatten am Freitag unseren Krantermin. Am Liegeplatz würde es noch reichen, aber wir kommen nicht mehr über die Barre an der Einfahrt des Hafens beim Württembergischen Yachtclub Friedrichshafen. Und unter dem Kran wird es auch demnächst zu flach“.

„Ich gehe jetzt mit der Luftmatratze raus zum Baden“ beschreibt Heinz Stärk seinen inneren Pegelstand. Annette Bernauer sagt mit Galgenhumor: „Diesen Sommer kommen wir stärker zum Bergwandern an den Churfirsten und zum Mountainbiken hier auf der Halbinsel Höri."

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