ReviereAlpenseen – Zauber der Südseen

Nico Krauss

 · 03.09.2022

Reviere: Alpenseen – Zauber der SüdseenFoto: Nico Krauss
Stille und Anmut. Im tiefen Licht gleitet ein Segler auf seiner Alphena One an der malerischen Kulisse des Ostufers vorbei, der wohl eindrucksvollsten Stelle des Traunsees

Das Wasser süß, der Horizont beengt. Manchen Seglern bieten die Binnenreviere vor und in den Bergen zu wenig Weite. Dabei kann man sich auch hier verlieren, findet Nico Krauss. Eine Liebeserklärung an die Alpenseen

Alpenseen in diesem Artikel:

Umrahmt von steilen Felsen, glitzert das Wasser im Morgenlicht. Kaum ein Windhauch weht, als ob alles stillsteht, auch die Zeit. Das Wasser schimmert in sphärischen Grün- und Türkistönen. So glasklar ist es, dass sich am nahen Grund jeder Stein abzeichnet. Fast fühlt man sich an einen sommerlichen Fjord in Norwegen erinnert. Doch das hier ist Österreich, ist der Traunsee – eigentlich bekannt für große Regatten, wilde Wettfahrten. In diesem Moment aber liegt er ruhig da, geradezu episch. Wolken und Berggipfel spiegeln sich in ihm. Der Panoramablick auf das 1.691 Meter hohe Traunsteinmassiv macht fast andächtig, so imposant, so intensiv wirkt die Kulisse.

Verlagssonderveröffentlichung

Vom Strand kommen Adrenalin-betankte Kiter und Surfer. Ihre Ausrüstung lässig unterm Arm, schlendern sie zu den Camper-Bussen auf dem Parkplatz. Sie haben die kräftige Brise aus Süden genutzt, die nachts und bis in die frühen Morgenstunden weht. Oberwind heißt sie hier. Damit aber ist es nun vorbei. Ausgeweht hat sich’s. Jetzt kommen die Stunden für die Genießer. Dieser Tempowechsel ist typisch für viele Seen der Alpen und Voralpen. Wir zeigen Ihnen ausschnitthaft die Vielfalt dieser Traum-Reviere.

Die schönsten Alpenseen zum Segeln:

Der Attersee mit karibischer Türkis-Tönung

Wiege der Wassersportler

Die Alpenseen sind nicht nur Naherholungsgebiete und Postkartenmotive. Wegen ihrer thermischen Eigenheiten, vielfach drehenden Winde und teils extremen Wetterverhältnisse fordern sie ein sensibles Händchen an Pinne und Schot. Das macht sie zum perfekten Parcours für eine Profikarriere auf dem Wasser. Der Österreicher Hubert Raudaschl ist der personifizierte Beleg dafür. Zehn Olympia-Teilnahmen und zahlreiche Weltmeistertitel in Jollenklassen hat er in seiner aktiven Zeit errungen. Auch Ernesto Bertarelli vom Genfer See segelt seit seiner frühesten Kindheit und heimst bis heute Erfolge auf internationalen Regattabahnen ein. Sein größter Coup: 2003 und 2007 holte er den America’s Cup vom neuseeländischen Hauraki-Golf in die Schweizer Berge.

Zum Meilenfressen sind die Bergseen sicher nicht geeignet, zumal Distanzen binnen ohnehin in Kilometer gemessen werden. Zu begrenzt bleiben selbst die größten Reviere. Irgendwann kommt der Fels, ein Kiesstrand oder die von Schilf gesäumte Uferpromenade. Doch genau die natürlichen Begrenzungen aus Gneis und Granit sind es, die in den vergleichsweise kleinen Revieren der Alpenseen für eine faszinierende Varianz sorgen – und für alternative Freizeitbetätigungen. So lässt sich ein Flautentag für eine Wanderung in die Berge nutzen oder für eine Radtour um den See. Bläst es fürs Segeln schon etwas zu kräftig, wechseln manche aufs Surf- oder Kiteboard. Und um keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen: Langstrecke geht natürlich auch. Fast jeder Binnensee hat seine eigene lange Bahn, die regelmäßig beeindruckende Starterfelder zusammenbringt – allemal größere als an Nord- oder Ostsee.

Ja, mit dem Wind ist es an den Alpenseen manchmal so eine Sache. Aber fast immer bildet sich bei Hochdrucklage mittags Thermik. Mitunter kann man sogar die Uhr danach stellen.

Findet man auf vielen Seen im Bergland: Bootshütten wie die am Wolfgangsee im oberösterreichischen SalzkammergutFoto: Nico Krauss
Findet man auf vielen Seen im Bergland: Bootshütten wie die am Wolfgangsee im oberösterreichischen Salzkammergut

Die schönsten Segelreviere in den Alpen

Attersee (Österreich): Rosenwind-Revier

Er zählt mit rund 50 Kilometer Uferlänge zu den größten Alpenseen im Sisi-Land. Zu den schönsten sowieso. Im Sommer begeistert das Wasser des Attersees mit karibischer Türkis-Tönung. An guten Tagen weht aus Norden der Rosenwind, der von der Erwärmung der Berge im Süden angetrieben wird. Salzburg liegt nur eine Autostunde entfernt. Dennoch wird es nie allzu trubelig. Mit dem Union-Yacht-Club Attersee (UYCAS) hat einer der ältesten Segelvereine Österreichs seinen Sitz hier.

Bodensee (Deutschland): Drei Länder, ein Meer

Das häufig verwendete Synonym „Schwäbisches Meer“ ist streng genommen eine ziemliche Unterschlagung. Tatsächlich grenzt der Bodensee national auch an Bayern und Baden, international an Österreich (wenigstens ein bisschen) und an die Schweiz. Ob man ihn wegen seiner Größe als Meer bezeichnen kann, darüber gehen die Meinungen auseinander. Mit mehr als 270 Kilometer Uferlänge (davon 28 in Österreich, 72 in der Schweiz) zählt er fraglos zu den größten Binnenseen Europas. Und wenn es bläst, kann er einem mit Wellen von bis zu 3,50 Meter Höhe ordentlich Respekt einflößen. So besonders ist sein Status, dass es zum Segeln einen eigenen Schein braucht, das Bodenseeschifferpatent; für Urlauber mit anderen Lizenzen gibt es eine Art „kleinen“ Gästeschein. Diverse Vercharterer bieten meist Kleinkreuzer an, seltener Yachten. Das Revier hat sich trotz größerer Städte wie Konstanz und Lindau und trotz des Zustroms aus den Großräumen Stuttgart und München hier und da einen lieblichen Puppenstubencharme erhalten, so wie im Bild auf der Halbinsel Wasserburg

Genfer See (Schweiz): Zwischen Wein und Stein

Wetterkapriolen sind auf den großen Alpenseen nichts Ungewöhnliches. Was sich aber im Juni 2019 über dem Genfer See bei der Bol d’or Mirabaud, der mit über 500 Yachten größten Binnenregatta der Welt, zusammenbraute, passt eigentlich besser zur Beschreibung der Roaring Forties als zur Schweizer Riviera, wie das mondäne mit Palmen gesäumte Nordufer von Lausanne bis nach Montreux genannt wird: Mit bis zu 60 Knoten fegten die Böen über den See; Hagel, Regen und Gischt trafen Crews und Yachten hart. Der Himmel fiel den Teilnehmern quasi auf den Kopf. Dabei hat der 580 Quadratkilometer große See, den sich Schweizer und Franzosen brüderlich teilen, meist liebliche Seiten. Im Nordosten liegen die Weinbergterrassen des Lavaux, größtes Weinbaugebiet der Schweiz und Unesco-Weltkulturerbe. Im Süden, jenseits von Segelmasten und Stadtkulisse, thront der Mont Blanc mit über 4.800 Meter Höhe. Ein Revier zwischen Himmel und Süßwasser, gespeist von der noch gletscherfrischen jungen Rhone, die etwa 800 Kilometer hinter Genf ins Mittelmeer mündet. Herrlich!

Starnberger See (Deutschland): Münchens Badewanne

Deutlich kleiner, wenn auch keineswegs weniger fein, ist das Erbe des Isar-Loisach-Gletschers, der den Bajuwaren den Starnberger See hinterlassen hat. Nur 25 Kilometer von München entfernt, stürzen sich besonders in den heißen Hochsommertagen Tausende Städter ins kühle Nass. Der Beiname „Münchens Badewanne“ kommt nicht von ungefähr. Wer es von den Straßenschluchten bis ans Seeufer geschafft hat, oder besser noch: raus auf den See, der kann ein atemberaubendes Alpenpanorama erleben. „Besonders bei Föhnlage reicht der Blick weit in die Berge. Dann hat man das Gefühl, dass sich gleich hinter Seeshaupt die Zugspitze erhebt“, sagt Felix Kempf. Er ist schon als Kleinkind mit dem klaren Wasser in Berührung gekommen. So oft es der Job zulässt, rudert der 52-Jährige zur Boje hinaus und macht seine klassische 5-mR-Rennyacht segelklar. Das Schmuckstück anno 1945 bildet einen würdigen Vordergrund für das grandiose Alpenpanorama. Die Klassiker-Szene ist auch hier gut vertreten, wie überall an den Bergseen. Monetäre Zuwendung vermögender Eigner und das handwerkliche Können der örtlichen Bootsbauer vollbringen oft Wunder.

„Die fantastische Lage des Sees unterhalb der Alpenkette ist unbestritten ein visuelles Highlight, sorgt aber manchmal auch für schnell wechselnde Wetterlagen. An den meisten Tagen kommt der Wind aus dem nördlichen Quadranten. Wenn der aber auf Südwest dreht, kann es heftig werden, mit Böen bis Orkanstärke und Gewitter. Dann besser schnell runter vom Wasser, denn endlos ablaufen wie auf dem Meer ist hier keine Option. Es heißt also, aufmerksam zu sein“ (Felix Kempf, Starnberger See)

Felix Kempf, 52, Grafik-Designer und Eigner einer internationalen 5-mR-Rennyacht von 1945Foto: Nico Krauss
Felix Kempf, 52, Grafik-Designer und Eigner einer internationalen 5-mR-Rennyacht von 1945

Traunsee (Österreich): Fjord der Voralpen

Still ruht der See. Nichts geht. Legt man sich an so einem Morgen gleich noch mal ins Bett? Oder zieht man die Wanderstiefel an, um die Berge zu erkunden, wie Manfred Curry einst empfahl? Die bayerische Segellegende, auch bekannt für die nach ihm, dem Tüftler, benannte Klemme, legte bereits 1936 Regattaseglern nahe, sich in fremden Revieren erst mal eine Übersicht über die topografischen Verhältnisse zu verschaffen. Franz Lackerbauer, der Traunsee-Flüsterer, braucht das nicht: „Das wird noch mit dem Wind, bleibst einfach noch a Weil sitzn. Dann weht’s scho“, sagt er. Darauf sei Verlass, „meistens …“. Franz muss es wissen. Er holte in der Shark 24 als Vorschoter drei Weltmeistertitel, ist Mitbegründer des Segelclubs Ebensee und heute dessen Präsident. Der See ist seine Heimat, das Wissen um lokale Windsysteme sein Kapital für erfolgreiche Wettfahrten. Wenn er erzählt, glitzert es in seinen Augen. Jedes Alpenseerevier habe seine eigene „Windmaschine“, und beim Traunsee funktioniert das bei einer Schönwetterperiode folgendermaßen: Nachts weht der Südwind bis etwa 9 Uhr am Folgetag, dann ist drei Stunden Flaute, und ab Mittags geht’s mit dem Nordwind los: das Phänomen des Ober- und Niederwindes.

“Das Besondere ist, dass der Traunsee einfach alles bietet – von den sanften Hügeln am Nordende hinein in den fjordartigen, schroffen Teil im Süden mit Bergen über 1.500 Meter Höhe. Eine Herausforderung stellen die sehr diffizilen Windverhältnisse dar, die sich am besten mit denen am Gardasee vergleichen lassen. Thermik sorgt tagsüber speziell in der Bucht von Ebensee bei Schönwetter für beste Brise. Nicht umsonst ist hier ein Hotspot für die wachsende Kite- und Wingfoil-Gemeinde. Daneben fungiert der See immer wieder als Austragungsort für Welt- und Europameisterschaften in verschiedenen Bootsklassen“ (Franz Lackerbauer, Traunsee)

Franz Lackerbauer, 72, Präsident Segelclub Ebensee, segelt seit seiner Kindheit auf dem TraunseeFoto: Nico Krauss
Franz Lackerbauer, 72, Präsident Segelclub Ebensee, segelt seit seiner Kindheit auf dem Traunsee

Comer See (Italien): Gassenhauer

Ein See wie ein auf dem Kopf stehendes „Y“, so erscheint der Lago di Como aus der Vogelperspektive. Er zählt zu den schönsten Gewässern auf der Südseite der Alpen, was auch am teils schon mediterranen Flair liegt. Palmen gedeihen an seinen Ufern, alte Gassen und fantastische Restaurants machen das Après-Sail zum Genuss, so wie hier in Varenna, wo die Sonne kurz vorm Versinken durch den historischen Torbogen blitzt. Bellissimo!

Gardasee (Italien): Garant für Wind

Auch die „Windmaschine“ am Gardasee in Oberitalien ist präzise programmiert, gegen Mittag kommt mit der Ora eine konstante Brise aus Süd, die sich durch die aufsteigende Wärme in den Bergtälern im Norden entwickelt. Auch wenn es kurzzeitig mitunter anders kommt – etwa durch Bewölkung oder einen störenden Gradient wind: Der Gardasee ist wegen seiner konstanten Bedingungen und seines gemäßigten Klimas ideal zum schnellen Segeln. Die klimatische Ausnahmestellung nutzen auch Vereine aus ganz Europa; bereits ab April werden Trainingslager eingerichtet – vom Opti-Nachwuchs bis zu den Starboot-Profis machen sich viele hier fit für die Saison. Genusssegler finden in der Mitte und im Süden stillere Luft. Der Lago di Garda besticht durch seine grandiose Landschaft mit hohen Gipfeln, im Westen steilen Felshängen, mit kleinen Badebuchten und kalt-klarem Wasser. Östlich des Sees liegen die Weinanbaugebiete für Bardolino, Soave sowie Valpolicella.

Chiemsee (Bayern): Idylle in Weiß und Blau

Selbst Fahrtensegler lernen auf den Binnenseen bisweilen das Handwerk für die ganz große Reise. So profitierte etwa Bobby Schenk von den Lehrstunden auf dem Chiemsee: „Wir hatten hier schon ein Wetter, das selbst Weltumsegler herausfordert“, erinnert sich der Amtsrichter a.D. „Bei einem Föhnsturm im Sommer fegte es aus heiterem Himmel innerhalb weniger Minuten über unseren Ankerplatz und über ein ganzes Regattafeld. In einer Minute waren die weißen Segel am Horizont verschwunden, weil die mehr als 60 Jollen samt und sonders gekentert waren.“ Dabei kann der urige See mit seinen zwei Inseln auch ganz zahm sein, ein wahrlich bayerisches Idyll am Alpenrand. Schenk liebt es, in der Rotter Bucht echte Fahrtensegel-Romantik zu erleben: „Wie in der Südsee – nur ohne Palmen! Und das Geräusch von der nahen Autobahn A8 darf als Wellenrauschen interpretiert werden.“

Es gibt Tage unter gleißender Sonne, an denen nur der Sprung ins Wasser hilft, um abzukühlen, während die Yacht in der Flaute dümpelt. Was also konnte Bobby Schenk hier für seine Abenteuer lernen? „Von bleierner Flaute bis krachendem Sturm kannst du alles in einer Saison erleben – ein guter Vorgeschmack auf eine Weltumsegelung! Der See, auf dem wir im April im Schneegestöber Anlegemanöver am Steg üben mussten, war mir ein harter, aber guter Lehrmeister.“

“Der Chiemsee umgibt mich seit meiner Geburt jeden Tag! Ich lebe und arbeite auf der Fraueninsel und sehe durch das geöffnete Werfttor Wasser, Berge, Wiesen, Wald und erlebe das bisweilen launische Wetter. Die größte Herausforderung ist nicht unbedingt eine meteorologische, sondern die zunehmenden Touristenströme. Das bedeutet für mich meist Slalom fahren um die SUPs, Ruderkähne und Segelboote – von eigentlich viel zu klein bis wirklich zu groß. Und doch bleibt der See meine geliebte Heimat, ob bei Flaute oder Sturm, bei Sonne oder Nebel, bei Hitze oder Eiseskälte“ (Peter Heistracher, Chiemsee)

Peter Heistracher, 51, Bootsbauer und Inhaber der Traditionswerft auf der FraueninselFoto: Nico Krauss
Peter Heistracher, 51, Bootsbauer und Inhaber der Traditionswerft auf der Fraueninsel

Thuner See (Schweiz): Schnelle Wasser

Wer bei dem kleinen Fjord, der sich in der letzten Eiszeit bildete, an Postkartenklischees denkt, liegt nicht ganz verkehrt. Schön ist der kleine, tiefe Thuner See allemal, still aber nicht. Denn es lebt hier eine höchst aktive Regattaszene, die sich unter anderem im Matchracing übt und etwa in der Melges-Klasse Ausrufezeichen setzt. Genfer und Zürichsee mögen größer, arrivierter sein. Was das Engagement betrifft, stehen die Thuner ihren Landsleuten freilich in nichts nach. Die Region Interlaken im Berner Oberland hat für einen Aktivurlaub auch sonst viel zu bieten: Wandern, Biken, Kajaking, Surfen.

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